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Angst vor Schlangen (Ophidiophobie) – Was steckt dahinter?

Es war vor sechs Jahrzehnten nahe einem kargen Wüstendorf am marokkanischen Antiatlas. Ein Volksfest, nur Einheimische — von Touristen war zumindest in dieser Gegend zu jener Zeit kaum eine Spur. Aber es gab einen Schlangenbeschwörer. Der war begeistert von den beiden deutschen Reisenden, die aufgetaucht waren, und er nahm sich ausgerechnet jenen zum Assistenten für seine Vorstellung, der von Kindesbeinen an die größte Angst vor Schlangen hatte. In diesem Augenblick gewann eine andere Angst die Oberhand, nämlich die, vor den Einheimischen als Memme zu erscheinen. Die Schlange war schwer und hatte eine ganz trockene Haut.

Mit dem Sündenfall im Paradies fing es an

Schlangenphobie also. Die Schlange polarisiert. Die einen zeigen sich fasziniert von ihrer Anmut, die anderen reagieren mit Angst, Ekel und Abscheu. Vor allem in der christlich-jüdischen Tradition hat sie ein negatives Bild, das wohl auf

den Sündenfall im Paradies zurückzuführen ist. Forschungen sagen heutzutage, dass sie bei Adam und Eva den heidnischen Fruchtbarkeitsgott Baal symbolisiert. Sie verkörpert, sagen Kulturwissenschaftler, die Abkehr vom „richtigen“

Glauben — und nicht so sehr die Vorstellung, in der Schlange stecke „das Böse“ an sich.

Kurse im Stuttgarter Naturkundemuseum

Immerhin, schon im Paradies hatte die Schlange nicht das beste Image, und auch heute reagieren viele auf sie regelrecht panisch. Schlangenphobien sind so verbreitet, dass es für Betroffene gar regelrechte Kurse gibt. Solche gab es auch schon beispielsweise im Naturkundemuseum Schloss Rosenstein in Stuttgart.

Training gegen Schlangenangst, geleitet von einem Diplompsychologen, mit einer Erfolgsquote von 60 Prozent. Mit Entspannungsübungen, die dazu führten, dass der in Angstschweiß gebadete schließlich eine 1,20 Meter lange, 400 Gramm schwere Kettennatter — „harmlos“, zebraähnlich schwarz-weiß gemustert, schwarze Knopfaugen, kurze gespaltene Zunge — mit dem Zeigefinger berührte. Auch diese Schlange fühlte sich trocken an, ging nicht in Angriffstellung, blieb nachgerade apathisch.

Natürliche und sinnvolle Angst darf bleiben

Schlangenphobie, sagen die Wissenschaftler, ist eine Angst, die in jedem Menschen angelegt ist. Von Natur aus, behaupten zwei Forscher der amerikanischen University of Virginia in Charlottesville. Sie sagen, die Angst vor Schlangen sei nicht anerzogen, sondern durch die Evolutionen fest in unserem Hirn verankert. Der Schlangenpsychologe im Stuttgarter Naturkundemuseum wollte und will dem Probanden auch keine „natürliche und sinnvolle“ Angst nehmen, sondern nur erreichen, dass „die lähmende Panik abfällt“.

Schlangenhälften fallen vom Himmel

Das hatte vor 60 Jahren auch jener Schlangenbeschwörer im südlichen Marokko erreicht. Vom damaligen „Probanden“ sind die Panikattacken beim Anblick von Schlangen gewichen. Doch ein ziemlicher Respekt ist geblieben. Auch vor der harmlosen Aesculapnatter in der Trockenmauer des Gartens, den noch zappelnden Schlangenhälften mit Kopf, die vom Himmel fallen, weil sie vom Habicht in der Luft geteilt worden waren, auch vor der Blindschleiche — die ja vielleicht eine Kreuzotter sein könnte

Symbol der Genesung und ewigen Jugend

Und schließlich: Schlangen werden mit der Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Dies hat seine Wurzeln in Indien. Denn zu Beginn der Regenzeit verlassen die Tiere ihre unterirdischen Bauten, bevor die sich mit Wasser füllen. Logische

Folge: Die Menschen brachten das Erscheinen der Schlangen mit Regen in Verbindung. Aber auch in anderen Kulturkreisen sind die Schlangen „positiv besetzt“: So taucht die Aesculap-Natter im Apothekensymbol auf. Wegen ihrer Fähigkeit, sich zu häuten, gilt sie als Symbol der Genesung und ewigen Jugend.

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